Durch den Hürtgenwald fahren wir meistens nur hindurch – er ist für uns das Tor zur Eifel, ein Stück Strecke auf dem Weg woandershin. Das Hohe Venn ist dagegen etwas anderes. Es ist unser Kernrevier. Es schließt unmittelbar an die Eifel an und geht nach Süden in die Ardennen über, und es ist eines der schönsten Hochmoore Europas: weite Flächen, in denen man auf Bohlenwegen durch Schutzzonen geht, dazu Trails, auf denen sich hervorragend Mountainbike fahren lässt. Unterwegs laden Haus Ternell oder die Eupener Altstadt zu belgischer Gastfreundschaft ein.
Im August 2026 brannte dort jedoch mehr als das Zehnfache dessen, was der Waldbrand im Hürtgenwald erfasste. Und anders als dort geht dieses Feuer nicht einfach aus.
Der Brand im Hohen Venn auf einen Blick
- Wie groß: Im Hohen Venn brannten nach Angaben des belgischen Rundfunks VRT über 3.000 Hektar; das NRW-Landwirtschaftsministerium nennt dieselbe Größenordnung. Das ist rund das Zehnfache des Brandes im Hürtgenwald.
- Wo: Betroffen ist das Naturschutzgebiet Hohes Venn, nach Angaben der Tourismusagentur Ostbelgien besonders in den Gemeinden Baelen, Jalhay und Waimes – zwischen Botrange, dem höchsten Punkt Belgiens, und der deutschen Grenze.
- Die Ursache ist offen. Die Staatsanwaltschaft Lüttich ermittelt seit dem 16. August 2026. Ein Sprecher der wallonischen Regionalbehörde und die Staatsanwaltschaft erklärten übereinstimmend, es sei „momentan nicht möglich“ zu bestimmen, „ob dies unabsichtlich oder absichtlich war“.
- Vorläufige Einordnung: Die Staatsanwaltschaft führt das Verfahren nach Angaben des Belgischen Rundfunks BRF unter „Unbeabsichtigte Brandstiftung durch X“ – eine Arbeitsbezeichnung, die sich je nach Befund ändern kann.
- Warum das Feuer weiterbrennt: Unter dem Hohen Venn liegt Torf. Wegen des glimmenden Torfs im Untergrund kann das vollständige Ablöschen nach Angaben der Behörden „noch Wochen oder Monate dauern“.
- Was ein Zombiefeuer ist: Als Zombiefeuer oder overwintering fire bezeichnet man ein Feuer, das im Boden weiterglimmt, den Winter übersteht und im Frühjahr wieder oben herauskommt. Dokumentiert ist das bislang aus borealen Wäldern Alaskas und Kanadas, nicht aus Mitteleuropa.
- Was gerade gilt: Das Feuer ist nach Angaben der Tourismusagentur Ostbelgien unter Kontrolle und alle Evakuierungen sind aufgehoben. Das Hochplateau ist aber weiterhin nicht zugänglich, und mehrere Wander- und Radrouten sind gesperrt.
Was im August 2026 im Hohen Venn passiert ist
Chronologie – mit einer Unschärfe beim Anfang
Beim Ausbruchsdatum widersprechen sich die Quellen leicht, und ich löse das hier nicht auf, sondern nenne beide Angaben. Die Stadt Monschau datiert den Brand „ab dem 15. August 2026“. Die Meldung der Tourismusagentur Ostbelgien trägt das Datum 14. August, und der belgische Rundfunk VRT spricht vom Freitag – das war der 14. August. Ein amtlich einheitliches Ausbruchsdatum habe ich nicht gefunden.
Der weitere Verlauf ist allerdings eindeutig. Auf belgischer Seite wurden die Ortschaften Küschelscheid und Leykaul evakuiert. Auf deutscher Seite ordnete die Stadt Monschau am 16. August um 22.16 Uhr die Evakuierung von Ruitzhof und Geisberg an; eine Notunterkunft entstand in der Sekundarschule Simmerath. Am 19. August um 15.53 Uhr durften die Bewohner zurück. Der Einsatz auf deutscher Seite endete am 20. August um 18 Uhr, danach übernahm die belgische Feuerwehr allein. Betroffen waren auf deutscher Seite darüber hinaus Kalterherberg, Mützenich, Plattevenn, Leyloch, Vennhof und Haus Sonnentau.

Ein Feuer, drei Länder – und Löschflugzeuge aus Skandinavien
Die Dimension lässt sich vor allem am Aufgebot ablesen. Nach Angaben des VRT waren neben den ostbelgischen Feuerwehren die Brüsseler Feuerwehr und Hilfeleistungszonen aus dem Hennegau im Einsatz, auf deutscher Seite die Städteregion Aachen und örtliche Wehren. Dazu kamen Löschflugzeuge vom Typ Saab aus Schweden und zwei Löschhubschrauber aus Norwegen.
Zum Vergleich: Im Hürtgenwald, wo zeitgleich gebrannt hat, waren es 300 bis 400 Hektar. Warum dort ausgerechnet die geräumten Kahlschlagflächen die Hauptlast trugen, haben wir in Waldbrand im Hürtgenwald: Warum ausgerechnet die Kahlschläge brannten auseinandergenommen. Im Hohen Venn liegt der Fall anders – und zwar buchstäblich tiefer.
Die Ursache: was ermittelt wird und was offen bleibt
Was die Staatsanwaltschaft Lüttich prüft
Die Staatsanwaltschaft Lüttich wurde nach Angaben des Belgischen Rundfunks BRF am Freitag benachrichtigt und leitete die Ermittlungen am Sonntag offiziell ein; anschließend begannen am Montagvormittag die Zeugenbefragungen. Als Mittel nennt die Behörde Zeugenaussagen, eine Untersuchung vor Ort durch Sachverständige – sobald das Gelände überhaupt betretbar ist –, ein kriminaltechnisches Labor und möglicherweise einen Spürhund.
Bemerkenswert ist dabei, wie offen der zuständige Staatsanwalt die Bandbreite hält. Gilles de Villers Grand Champs zählte gegenüber dem BRF auf: „Das kann eine Zigarettenkippe sein […] Das kann vielleicht auch ein Brandbeschleuniger sein. Oder eine Flasche, in deren Glas sich die Sonnenstrahlen wie in einer Lupe gebündelt haben.“ Geführt wird das Verfahren vorläufig unter der Bezeichnung „Unbeabsichtigte Brandstiftung durch X“ – wobei das X für eine unbekannte Person steht und die Einordnung sich je nach Befund ändern kann.
Zusammen mit Nicolas Yernaux, dem Sprecher der wallonischen Regionalbehörde, stellte die Staatsanwaltschaft klar, es sei „momentan nicht möglich“ zu bestimmen, „ob dies unabsichtlich oder absichtlich war“. Stand dieses Beitrags ist die Ursache damit offen. Wer etwas anderes behauptet, hat eine Quelle, die ich nicht gefunden habe.
Warum die Ursache bei einem Moorbrand besonders schwer zu finden ist
Brandursachenermittlung lebt vom Ausbruchsort. Sachverständige arbeiten sich von den Brandspuren zurück zum Punkt, an dem das Feuer begann, und suchen dort anschließend nach Zündquellen. Dieses Vorgehen setzt zweierlei voraus: erstens, dass die Stelle erreichbar ist, und zweitens, dass die Spuren dort noch liegen.
Im Hohen Venn ist beides erschwert. Denn solange der Torf glimmt, ist die Fläche nicht sicher betretbar – die Staatsanwaltschaft formuliert die Vor-Ort-Untersuchung ausdrücklich unter dem Vorbehalt der Zugänglichkeit. Und ein Feuer, das sich in den Boden hineinfrisst, zerstört genau die Schicht, in der die Spuren liegen. Aus meiner Sicht spricht viel dafür, dass die Aufklärung deshalb länger dauert als bei einem Vegetationsbrand auf mineralischem Untergrund; belegen lässt sich diese Einschätzung mit den vorliegenden Quellen nicht.
Torf: warum dieses Feuer nicht ausgeht

Was im Untergrund passiert
Ein Hochmoor ist nämlich kein Boden im gewohnten Sinn, sondern ein über Jahrtausende gewachsenes Lager aus unvollständig zersetzten Pflanzenresten. Solange es nass ist, passiert damit nichts. Trocknet die obere Schicht dagegen aus, wird daraus Brennstoff – und zwar einer, der nicht mit Flammen brennt, sondern glimmt: langsam, mit wenig Sauerstoff, dafür über große Tiefen und lange Zeiträume.
Genau das beschreiben denn auch die belgischen Behörden. Wegen des glimmenden Torfs im Untergrund könne das vollständige Ablöschen „noch Wochen oder Monate dauern“. Für Einsatzkräfte heißt das also: Ein Feuer, das oben gelöscht aussieht, ist unten nicht aus. Es ist dieselbe Physik, die schon ein Lagerfeuer so tückisch macht – nur um Größenordnungen ausgedehnter. Wie schwer ein bloßes Lagerfeuer wirklich auszubekommen ist, steht in Lagerfeuer richtig löschen.
Warum es überhaupt darauf ankommt, zeigt eine Zahl aus der Nationalen Moorschutzstrategie des Bundesumweltministeriums: In Deutschland nehmen Moorböden rund fünf Prozent der Landesfläche ein – gut 1,8 Millionen Hektar –, und in ihnen ist „genauso viel Kohlenstoff gespeichert wie in den deutschen Wäldern“. Aus entwässerten Mooren entweichen dort jährlich 53 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Ein brennendes Moor verliert also nicht nur Vegetation, sondern einen Speicher, der Jahrtausende gebraucht hat.
Zombiefeuer: was der Begriff bedeutet
Für Feuer, die im Boden weiterglimmen, hat sich ein Begriff eingebürgert: Zombiefeuer. In der Fachsprache heißen sie overwintering fires, holdover fires oder hibernating fires. Die NASA beschreibt sie als Brände, die den Winter überstehen und im Frühjahr wieder auftauchen; sie beginnen oberirdisch und glimmen dann im Boden oder unter Baumwurzeln weiter. Die Forscherin Rebecca Scholten nennt sie Feuer, die in den „energy-saver mode“ gewechselt sind.
Dass das kein Randphänomen ist, zeigt eine Zahl aus derselben Quelle: In Alaska gingen im Jahr 2008 38 Prozent der verbrannten Fläche auf überwinternde Feuer zurück. Die Grundlagenarbeit dazu stammt von Scholten und Kollegen und ist 2021 in Nature erschienen. Eine neuere Feldstudie von Baltzer und anderen in Nature Ecology & Evolution hat an 20 Standorten in den kanadischen Nordwest-Territorien und in Alaska nachgemessen und kam zu dem Ergebnis, dass sowohl schwelender Torf als auch schwelendes Holz das Überwintern tragen können.
Was der Befund für das Hohe Venn nicht belegt
Und jetzt der Vorbehalt, auf den es ankommt. Alle diese Befunde stammen aus borealen Wäldern in Alaska und Kanada. Ich habe keine Quelle gefunden, die ein überwinterndes Feuer in einem mitteleuropäischen Hochmoor dokumentiert, und ebenso wenig eine Prognose, dass das Feuer im Hohen Venn den Winter überstehen wird. Was die belgischen Behörden sagen, ist etwas Schwächeres, aber Belegtes: Der Torf glimmt, und das Ablöschen kann Monate dauern.
Der Mechanismus ist zwar derselbe – schwelender organischer Boden. Ob daraus im Hohen Venn ein Zombiefeuer im strengen Sinn wird, ist offen und wird sich frühestens im Frühjahr zeigen. Diese Unterscheidung ist dabei kein Wortklauben: Zwischen „glimmt monatelang“ und „kommt im April wieder heraus“ liegt ein Unterschied, den bislang niemand für dieses Gebiet belegt hat.
„Momentan nicht möglich“ sei es zu bestimmen, „ob dies unabsichtlich oder absichtlich war“.
Staatsanwaltschaft Lüttich und die wallonische Regionalbehörde, 17. August 2026
Was das für unser Kernrevier heißt

Was derzeit gesperrt ist
Zuletzt hat die Tourismusagentur Ostbelgien den Stand am 21. August 2026 aktualisiert. Das Feuer ist demnach unter Kontrolle, alle Evakuierungsanordnungen sind aufgehoben, die Bewohner konnten zurückkehren. Für Besucher gilt aber weiterhin:
- Das Hochplateau des Hohen Venns ist nicht zugänglich. Die Empfehlung lautet ausdrücklich, das Gebiet zu meiden.
- Venntrilogie: Etappe 3 und vorerst auch Etappe 4 sind geschlossen.
- Vennbahn: zwischen Raeren und Waimes gesperrt, eine Umleitung ist ausgeschildert.
- Stoneman Arduenna: Der Checkpoint am Signal de Botrange kann nicht angefahren werden – und der Checkpoint Hohes Venn möglicherweise ebenfalls nicht.
- Straßen: N68, N676 und N672 sind gesperrt; als großräumige Umfahrung wird die E42 genannt. Auf deutscher Seite war zuletzt die K25 zwischen Höfen und Kalterherberg gesperrt.
- Lac de Robertville bleibt für die Entnahme von Löschwasser gesperrt.
Diese Angaben veralten jedoch schnell. Vor jeder Tour gilt der aktuelle Stand bei der Tourismusagentur Ostbelgien und den Gemeinden, nicht dieser Beitrag. Wer trotzdem in die Region will: Der Osten und Norden Ostbelgiens ist nicht betroffen – die Wege dort haben wir in Wanderungen in Ostbelgien beschrieben.
Warum man auf einer Moorbrandfläche nichts zu suchen hat
Die Neugier ist zwar verständlich, gerade wenn man das Gebiet gut kennt. Sie ist hier trotzdem fehl am Platz, und zwar aus drei Gründen.
- Der Boden trägt nicht mehr verlässlich. Denn wo Torf durchgebrannt ist, entstehen Hohlräume unter einer scheinbar festen Oberfläche. Was oben wie kalte Asche aussieht, kann darunter noch heiß sein.
- Die Sachverständigen brauchen die Spuren. Die Untersuchung vor Ort steht noch aus. Jede zusätzliche Fußspur auf der Fläche macht die Arbeit nicht leichter.
- Das Moor braucht Ruhe. Auf einer frisch verbrannten Torffläche entscheidet sich, ob die Vegetation zurückkommt. Bohlenwege gibt es im Hohen Venn nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil der Torfboden Tritt schlecht verträgt.
Das Hohe Venn bleibt unser Kernrevier. Es wird allerdings eine Weile brauchen, bis man es wieder so nutzen kann wie vorher – und ein Teil davon entscheidet sich unsichtbar, einen halben Meter unter der Oberfläche.
Weiterlesen auf wildnisruf.de
- Waldbrand im Hürtgenwald: Warum ausgerechnet die Kahlschläge brannten – das zweite Feuer desselben August, 30 Kilometer weiter nördlich und mit ganz anderer Ursache.
- Wanderungen in Ostbelgien – die Wege in der Region, von denen ein Teil derzeit gesperrt ist.
- Deutschlands Wälder: Zahlen, Zustand und Betretungsrecht – wie viel Kohlenstoff im Wald steckt und warum die Bilanz gekippt ist.
Häufige Fragen zum Brand im Hohen Venn
Ausmaß und Ursache
Warum der Torf weiterbrennt
Zombiefeuer
Zugang und Sicherheit
Quellen und weiterführende Links
- Tourismusagentur Ostbelgien: Brand im Naturreservat des Hohen Venns – Stand vom 21.08.2026, betroffene Gemeinden, Sperrungen von Venntrilogie, Vennbahn, Stoneman Arduenna und Straßen.
- Stadt Monschau: Aktuelle Entwicklungen zum Brand im Hohen Venn – Chronologie, Evakuierungen mit Uhrzeiten, Sperrung der K25.
- VRT NWS (öffentlich-rechtlicher Rundfunk Belgiens): Großbrand im Hohen Venn – Fläche, internationale Einsatzkräfte und die Aussagen zur Ursache.
- BRF (Belgischer Rundfunk): Staatsanwaltschaft bereit zur Suche nach Ursache von Vennbrand – Ermittlungsablauf, Ermittlungsmittel und die Hypothesen des Staatsanwalts.
- NASA Earth Observatory: Overwintering Fires on the Rise – Definition, Mechanismus und der Anteil überwinternder Feuer an der Brandfläche in Alaska.
- Baltzer u. a.: Overwintering fires can occur in both peatlands and upland forests with varying ecological impacts, Nature Ecology & Evolution – Feldmessungen an 20 Standorten in Kanada und Alaska.
- Bundesumweltministerium: Nationale Moorschutzstrategie (PDF) – Flächenanteil, Kohlenstoffspeicher und Emissionen entwässerter Moore.
Stand: 23. August 2026. Die Lage im Hohen Venn ändert sich laufend; Sperrungen und Betretungsregeln entnehmen Sie bitte den aktuellen Bekanntmachungen der Tourismusagentur Ostbelgien und der betroffenen Gemeinden. Zur Brandursache ist zum Redaktionsschluss kein Ermittlungsergebnis veröffentlicht. Wo eine Aussage meine Einschätzung und nicht der Befund einer Quelle ist, steht das im Text.

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