Der Wald prägt fast ein Drittel Deutschlands. Wer ihn nur als Kulisse für den Sonntagsspaziergang sieht, verpasst, wie stark er sich in den letzten zehn Jahren verändert hat – und wie grundlegend sich einige Selbstverständlichkeiten erledigt haben. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die amtlichen Erhebungen sagen: die Bundeswaldinventur 2022 (im Gelände erhoben 2021 und 2022, veröffentlicht im Oktober 2024) und die jährliche Waldzustandserhebung, zuletzt für das Jahr 2025.
Wie groß Deutschlands Wälder wirklich sind
Die Bundeswaldinventur weist 11,5 Millionen Hektar Wald aus. Das sind rund 32 Prozent der Landfläche. Gegenüber der Vorgängerinventur von 2012 ist die Waldfläche sogar leicht gewachsen, um etwa 15.000 Hektar: 82.000 Hektar Neuwald standen 66.000 Hektar Waldumwandlung gegenüber. Über 98 Prozent dieser Fläche sind begehbar.
Wer nachrechnet, stößt auf einen zweiten amtlichen Wert. Das Statistische Bundesamt nennt für den 31. Dezember 2024 eine Waldfläche von 10,69 Millionen Hektar beziehungsweise 29,9 Prozent der Bodenfläche. Beide Zahlen sind richtig – sie messen Unterschiedliches. Die Bundeswaldinventur arbeitet mit einer terrestrischen Stichprobe im Gelände, die Flächenstatistik wertet die amtlichen Liegenschaftsdaten aus. Das Statistische Bundesamt hat die Gründe für diese Abweichung in einem eigenen Fachaufsatz aufgearbeitet.
Welche Bäume dort stehen
Die vier Hauptbaumarten machen zusammen 71 Prozent des Holzbodens aus – aber die Rangfolge hat sich verschoben:
- Kiefer: 22 Prozent (2,4 Millionen Hektar)
- Fichte: 21 Prozent (2,3 Millionen Hektar)
- Buche: 17 Prozent (1,8 Millionen Hektar)
- Eiche: 12 Prozent (1,3 Millionen Hektar)
Die Kiefer hat damit die Fichte als flächenmäßig häufigste Baumart abgelöst. Dahinter steht kein Trend zur Kiefer, sondern ein Verlust: Die Fichtenfläche ist gegenüber 2012 um 461.000 Hektar geschrumpft, ein Minus von fast 17 Prozent. Buche und Eiche haben dagegen zugelegt. Auf 19 Prozent des Holzbodens – zwei Millionen Hektar – hat es in der zehnjährigen Inventurperiode Kalamitäten gegeben, also Schäden durch Sturm, Dürre oder Borkenkäfer. Was aus solchen Flächen werden kann, wenn ein trockener Sommer dazukommt, zeigte im August 2026 der Waldbrand im Hürtgenwald: Rund 30 Prozent der ausgewerteten Brandfläche waren ehemalige Kahlschlag- und Kalamitätsflächen.
Ermutigender liest sich die Struktur: 79 Prozent der Waldfläche sind Mischwald, 77 Prozent sind zwei- oder mehrschichtig aufgebaut, und der junge Wald stammt zu 91 Prozent aus Naturverjüngung. Der Durchschnittsbaum ist 82 Jahre alt, fünf Jahre älter als noch 2012.
Holzvorrat und Zuwachs
Im deutschen Wald stehen 3,7 Milliarden Kubikmeter Holz, im Schnitt 335 Kubikmeter je Hektar. Der jährliche Zuwachs liegt bei 101,5 Millionen Kubikmetern oder 9,4 Kubikmetern je Hektar und Jahr.
Diese Zahl ist der Grund, warum ältere Darstellungen des deutschen Waldes vorsichtig zu lesen sind. Bis 2012 lag der Zuwachs bei 121,6 Millionen Kubikmetern jährlich – der Wert, der jahrelang durch Ratgeber und Broschüren wanderte. Er ist seither um 16 Prozent gefallen. Genutzt wurden im selben Zeitraum 72,6 Millionen Kubikmeter Rohholz pro Jahr, also weiterhin deutlich weniger, als nachwächst.
Vom Kohlenstoffspeicher zur Kohlenstoffquelle
Das ist die einschneidendste Erkenntnis der Inventur, und sie räumt mit einer verbreiteten Gewissheit auf. Über Jahrzehnte galt: Der deutsche Wald bindet mehr Kohlenstoff, als er abgibt. Die Bundeswaldinventur 2012 bezifferte die jährliche Entlastung der Atmosphäre noch auf rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid.
Das gilt nicht mehr. Die Bundeswaldinventur 2022 stellt fest: „Seit 2017 ist der Wald v. a. durch den Verlust an lebender Biomasse durch die Klimakrise zur Quelle geworden.“ Zwischen 2017 und 2022 hat die lebende Biomasse 41,5 Millionen Tonnen Kohlenstoff verloren, etwa drei Prozent. Der Zuwachs beim Totholz von 11,3 Millionen Tonnen und die Speicherung im Boden gleichen diesen Verlust nicht aus.
Eine Einheit, auf die es hier ankommt: Diese 41,5 Millionen Tonnen sind Tonnen Kohlenstoff, nicht Tonnen Kohlendioxid, und sie beziehen sich auf den gesamten Zeitraum 2017 bis 2022, nicht auf ein einzelnes Jahr. In populären Darstellungen werden beide Größen regelmäßig vermischt. Insgesamt speichert der Wald weiterhin rund 2,2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – 1.184 Millionen Tonnen in lebenden Bäumen, 46,1 Millionen Tonnen im Totholz und 936 Millionen Tonnen in Streu und Mineralboden.
Die früher oft zitierte Faustformel, ein Hektar Wald binde jährlich etwa zehn Tonnen Kohlendioxid, findet sich in keiner der amtlichen Quellen wieder. Sie sollte nicht weiterverwendet werden. Wer die Kohlenstoffbilanz nachlesen möchte, findet sie beim Thünen-Institut unter Klimaschützer Wald.
Wie es dem Wald gesundheitlich geht
Die Waldzustandserhebung 2025 hat im Juli und August 2025 insgesamt 46.531 Probebäume an 1.889 Punkten begutachtet. Das Ergebnis über alle Baumarten:
- 21 Prozent ohne Kronenverlichtung
- 44 Prozent in der Warnstufe
- 35 Prozent mit deutlicher Kronenverlichtung
Am schlechtesten steht die Eiche da: 51 Prozent der Eichen zeigen deutliche Verlichtungen. Bei Fichte und Buche sind es je 38 Prozent, bei der Kiefer 31 Prozent. Die mittlere Kronenverlichtung lag 2025 bei 25,2 Prozent gegenüber 25,7 Prozent im Vorjahr – eine Bewegung, aus der man keine Entwarnung ableiten sollte. Der Bericht formuliert es nüchtern: Der Zustand vor den Trockenjahren 2018 bis 2020 wurde bisher nicht wieder erreicht.
Wem der Wald gehört
Wer im Wald unterwegs ist, betritt in fast der Hälfte der Fälle privates Eigentum:
- 48 Prozent Privatwald
- 29 Prozent Staatswald der Länder
- 20 Prozent Körperschaftswald, überwiegend kommunal
- 3 Prozent Staatswald des Bundes
Die Verteilung schwankt erheblich zwischen den Bundesländern: Der Privatwaldanteil reicht von 25 Prozent in Hessen bis 63 Prozent in Nordrhein-Westfalen. Knapp die Hälfte des Privatwaldes gehört Eigentümern mit weniger als 20 Hektar – der deutsche Wald ist also in weiten Teilen kleinteilig geordnet.
Betreten erlaubt – was § 14 Bundeswaldgesetz regelt
Dass private Eigentumsverhältnisse dem Spaziergang nicht entgegenstehen, ist kein Gewohnheitsrecht, sondern steht im Gesetz. § 14 Absatz 1 Bundeswaldgesetz lautet:
Das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung ist gestattet. Das Radfahren, das Fahren mit Krankenfahrstühlen und das Reiten im Walde ist nur auf Straßen und Wegen gestattet. Die Benutzung geschieht auf eigene Gefahr. Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.
Drei Punkte daraus verdienen Beachtung. Erstens gilt die Erlaubnis dem Betreten – Rad fahren und Reiten sind ausdrücklich auf Straßen und Wege beschränkt. Zweitens geschieht die Benutzung auf eigene Gefahr, und zwar gerade mit Blick auf waldtypische Gefahren wie herabfallende Äste; der Waldbesitzer haftet dafür grundsätzlich nicht. Drittens – und praktisch am wichtigsten – überlässt § 14 Absatz 2 die Einzelheiten den Ländern. Diese können das Betreten aus wichtigem Grund einschränken, etwa zum Forstschutz, während der Holzernte oder zum Schutz der Waldbesucher.
Vor einer Tour lohnt deshalb der Blick ins jeweilige Landeswaldgesetz, denn die Regelungen unterscheiden sich zwischen den Ländern. Wer sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen im Wald näher befassen möchte, findet in unserem Überblick zum Jagdrecht in Deutschland und im Beitrag zum Bundesjagdgesetz die angrenzenden Regelungswerke – gerade während der Drückjagdsaison können Sperrungen einzelner Reviere hinzukommen.
Totholz, alte Bäume und was daraus folgt
Der Wald ist ökologisch reicher geworden. Das Totholz hat um ein Drittel zugenommen und liegt jetzt bei 29,4 Kubikmetern je Hektar, insgesamt 323 Millionen Kubikmeter oder rund neun Prozent des lebenden Holzvorrats. 83 Millionen Bäume tragen ökologisch bedeutsame Merkmale wie Spechthöhlen oder Pilzkonsolen. Auf 43 Prozent der Holzbodenfläche wurde in zehn Jahren kein einziger Baum entnommen.
Ein Teil dieses Zuwachses ist allerdings kein Naturschutzerfolg, sondern die Kehrseite der Schäden: Abgestorbene Fichten werden zu Totholz. Für Wildtiere ist das ein Gewinn, für die Kohlenstoffbilanz nicht. Wer lernen möchte, wer sich dort bewegt, findet in unserem Beitrag über Tierspuren im Schnee einen praktischen Einstieg.
Was das für Waldbesucher bedeutet
Aus den Zahlen lassen sich ein paar handfeste Schlüsse ziehen. Wo viel Totholz steht und ganze Bestände abgestorben sind, ist bei Wind erhöhte Vorsicht geboten – geschädigte Kronen verlieren Äste. Sperrungen nach Sturmereignissen und während der Holzernte sind keine Schikane, sondern gelten der Sicherheit. Und weil der Wald sich in einer Umbauphase befindet, sind junge Kulturen und Naturverjüngungsflächen empfindlich: Sie zu umgehen statt zu durchqueren, kostet nichts.
Wer den Wald bewusster nutzen will, findet Anregungen in unseren Beiträgen zum Waldbaden und zum Prinzip Leave No Trace. Für längere Touren im Wald hilft der Leitfaden für den Survival-Rucksack, und wer ein konkretes Ziel sucht: Der Wildnis-Trail in der Eifel führt auf mehreren Etappen durch den Nationalpark Eifel.
Wo du amtliche Zahlen und Ansprechpartner findest
Die Angaben in diesem Beitrag stammen aus folgenden Quellen – dort lässt sich alles im Original nachlesen:
- Bundeswaldinventur 2022 – Zusammenfassung (Thünen-Institut): Waldfläche, Vorrat, Zuwachs, Baumarten, Eigentum
- Bundeswaldinventur 2022 – Lebensraum Wald: Baumartenanteile, Totholz, Naturnähe
- Waldzustandserhebung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat
- § 14 Bundeswaldgesetz beim Bundesamt für Justiz
Für Fragen zum konkreten Wald vor Ort – Sperrungen, Wegerecht, Veranstaltungen – sind die Landesforstverwaltungen und die örtlichen Forstämter zuständig:
- Wald und Holz Nordrhein-Westfalen mit 15 regionalen Forstämtern
- Bayerische Staatsforsten mit 41 Forstbetrieben
- Niedersächsische Landesforsten
- ForstBW in Baden-Württemberg
- Landesforsten Rheinland-Pfalz mit 46 Forstämtern
Stand der Angaben: Bundeswaldinventur 2022 (Geländeaufnahme 2021/2022, veröffentlicht Oktober 2024) und Waldzustandserhebung 2025 (veröffentlicht Mai 2026). Die nächste turnusmäßige Erhebung ist die Kohlenstoffinventur 2027.

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