Die unberührte Wildnis Schwedens lockt mit einer einzigartigen Mischung aus Abenteuer und innerer Einkehr. Für Backpacker ist das skandinavische Land ein Paradies, das keine Wünsche offenlässt: von den endlosen Wäldern des Värmland über die schroffe Küste Höga Kusten bis hin zur arktischen Tundra Lapplands. Dieser Artikel ist dein umfassender Guide, um dieses Naturerlebnis der Extraklasse selbstständig, sicher und nachhaltig zu planen. Wir führen dich durch die besten Regionen, die essentielle Ausrüstung und die ungeschriebenen Gesetze der schwedischen Wildnis.
Die Wahl der perfekten Region: Von milden Wäldern zur arktischen Tundra
Schweden ist riesig, und die Wahl der Region bestimmt dein gesamtes Abenteuer. Für Einsteiger sind die Wälder und Seenplatten in Värmland oder Dalsland ideal. Hier findest du gut ausgebaute Wanderwege wie den Bergslagsleden und zahlreiche Möglichkeiten zum Kanufahren auf ruhigen Gewässern. Die Infrastruktur mit Wildnis-Camps und Hütten ist gut, und die Saison reicht von Mai bis September. Für Fortgeschrittene bietet Lappland im Norden ein völlig anderes Erlebnis. Hier erwarten dich die spektakuläre Kungsleden-Wanderroute, die Chance auf Polarlichter und die Mitternachtssonne. Die Bedingungen sind hier herausfordernder, mit kälteren Temperaturen, größeren Wildtierbegegnungen (Elche, Rentiere) und deutlich geringerer Bevölkerungsdichte. Die Höga Kusten (Hohe Küste) wiederum kombiniert anspruchsvolle Küstenwanderungen mit dem Weltnaturerbe der sich hebenden Küstenlinie.
Die richtige Ausrüstung: Leichtigkeit und Funktionalität
Dein Rucksack ist dein Zuhause, daher ist eine durchdachte Packliste entscheidend. Das Zwiebelprinzip bei der Kleidung ist nicht verhandelbar. Packe Funktionsunterwäsche, eine Fleecejacke oder Wollschicht, sowie eine wasserdichte und winddichte Regenjacke ein. Selbst im Sommer können Nächte in Schweden sehr kühl werden. Ein robuster Schlafsack mit einer Komforttemperatur von mindestens 0°C ist ein Muss. Investiere in ein hochwertiges Zelt, das starkem Wind und Regen standhält, und eine isolierende Isomatte. Neben der Standard-Backpacking-Ausrüstung sind zwei besondere Gegenstände essentiell: ein Mückenschutz (Netz, Spray) für die Monate Juni-August und eine schwedische Wanderkarte oder eine zuverlässige Offline-Karten-App. Vergiss nicht ein Multitool und eine Powerbank.
Unterwegs mit Allemansrätten: Das Recht auf Natur
Das schwedische Allemansrätten (Jedermannsrecht) ist die Grundlage jedes Wildnisabenteuers. Dieses traditionsreiche Recht erlaubt es dir, dich frei in der Natur zu bewegen – auch auf privatem Grund – solange du nicht störend oder zerstörend auftrittst. Konkret bedeutet das:
- Du darfst für eine Nacht dein Zelt fast überall aufschlagen, solange du nicht in Sichtweite eines Wohnhauses stehst und empfindliche Gebiete wie Anbauflächen meidest.
- Du darfst Beeren und Pilze sammeln.
- Du darfst offenes Feuer machen, sofern keine akute Brandgefahr besteht und du äußerst vorsichtig bist.
Die Kehrseite der Medaille ist die absolute Verantwortung. Lasse keinen Müll zurück, störe keine Tiere und respektiere die Privatsphäre der Einheimischen. Dieses Recht ist ein Privileg, das von jedem Backpacker mit größtem Respekt behandelt werden muss.
Nächtigen unter dem Sternenzelt: Hütten vs. Zelt
Für die Übernachtung hast du zwei fantastische Optionen. Die klassische Variante ist das wilde Zelten. Es bietet absolute Freiheit und Ungebundenheit. Suche dir einen ebenen, trockenen Platz in der Nähe einer Wasserquelle, aber mit ausreichend Abstand zum Ufer, um die Tierwelt nicht zu stören. Die andere, sehr schwedische Alternative sind die STF-Fjällstugor (Berg- und Wanderhütten des Schwedischen Touristenvereins). Diese einfachen, aber gemütlichen Hütten sind entlang der großen Wanderwege wie dem Kungsleden verteilt. Sie bieten einen Schlafplatz, eine Küche zum Selbstkochen und manchmal sogar eine Sauna. Eine Reservierung ist in der Hochsaison oft notwendig. Die Kombination aus einigen Tagen Zelt und gelegentlichen Hüttenübernachtungen bietet den perfekten Mix aus Abenteuer und Komfort.
Verpflegung in der Wildnis: Leicht, nahrhaft und selbst gekocht
Dein Stoffwechsel wird auf der Tour Höchstleistung bringen, also plane deine Verpflegung entsprechend. Leichte, energiereiche Nahrung ist der Schlüssel. In den Supermärkten der Städte (ICA, Coop, Willy’s) kannst du dich vor Antritt der Tour mit Haferflocken, Trockenobst, Nüssen, Hartkäse, Knäckebrot und Trockenfleisch eindecken. Für die Hauptmahlzeiten sind gefriergetrocknete Expeditionsnahrung zwar teuer, aber extrem leicht und einfach zuzubereiten. Eine günstigere Alternative sind Instant-Nudeln, Couscous oder Linsensuppen, die mit Trockengemüse aufgepeppt werden können. Denke immer daran, alle deine Verpackungen und Abfälle wieder mitzunehmen. Nutze das Jedermannsrecht, um frische Blaubeeren oder Preiselbeeren für dein Müsli zu sammeln.
Wasser: Die lebenswichtige Ressource finden und aufbereiten
In der schwedischen Wildnis ist sauberes Wasser überall verfügbar, aber Vorsicht ist geboten. Obwohl das Wasser aus Bächen und Seen oft klar aussieht, können mikroskopische Parasiten wie Giardien schwere Magen-Darm-Erkrankungen verursachen. Trinken Sie niemals unbehandeltes Wasser aus stehenden oder langsam fließenden Gewässern. Es gibt drei sichere Methoden: Abkochen (1 Minute reicht auf Meereshöhe), der Einsatz eines hochwertigen Wasserfilters mit einer Porengröße von maximal 0,2 Mikron oder chemische Aufbereitung mit Tabletten. Ein Wasserfilter ist die bequemste Lösung, da er sofort trinkbares Wasser liefert und nicht auf eine Abkühlzeit gewartet werden muss.
Navigation: Karte, Kompass und mehr als nur GPS
Stelle dich niemals allein auf dein Smartphone. Der Akku kann versagen, und die Empfangsqualität ist in abgelegenen Gebieten oft nicht vorhanden. Die Grundlage jeder Navigation in Schweden ist eine physische Wanderkarte (im Maßstab 1:50.000 oder 1:100.000) und ein Kompass. Lerne vor deiner Reise die Grundlagen der Kartenarbeit. Die markierten Wanderwege (leder) sind in der Regel sehr gut mit orangefarbenen Steinmännchen (varder) oder Markierungen an Bäumen gekennzeichnet. Nutze eine GPS-App wie Maps.me oder AllTrails als hilfreiche Ergänzung, aber lade die Karten unbedingt offline herunter, bevor du startest.
Sicherheit und Wildtiere: Respekt statt Angst
Schweden beherbergt große Wildtiere wie Elche, Rentiere, Bären und Wölfe. Begegnungen sind jedoch selten und die Tiere sind scheu. Die größte Gefahr geht von Elchen aus, besonders von Müttern mit Kälbern im Frühsommer. Halte stets Abstand. Um Bären und Wölfe musst du dir als Backpacker kaum Sorgen machen; sie meiden Menschen. Eine reale Gefahr sind jedoch Zecken, die FSME und Borreliose übertragen können. Trage lange Kleidung, verwende Zeckenspray und suche deinen Körper täglich ab. Hinterlasse immer deine Reiseroute bei jemandem zu Hause oder in einer Touristeninformation.
Nachhaltiges Reisen: Hinterlasse keine Spuren
Das Konzept „Leave No Trace“ ist in Schweden nicht nur eine Empfehlung, sondern eine Ethik. Sie geht über das Allemansrätten hinaus und bedeutet, dass die Natur nach deinem Besuch genauso aussieht wie vorher – oder besser.
- Nimm all deinen Müll mit, inklusive organischer Abfälle wie Bananenschalen.
- Wasche dich und dein Geschirr mindestens 50 Meter von Gewässern entfernt und verwende biologisch abbaubare Seife.
- Verwende für deine Notdurft ein kleines Loch, das du anschließend wieder verschließt.
- Unterstütze die lokale Wirtschaft, indem du in kleinen Geschäften einkaufst.
Dein Verhalten trägt dazu bei, dass dieses einzigartige Recht auch für zukünftige Generationen von Backpackern erhalten bleibt.
Ein Backpacking-Abenteuer in Schwedens Wildnis ist mehr als nur eine Reise; es ist eine Lektion in Selbstständigkeit, Demut und Verbundenheit mit der Natur. Von der sorgfältigen Planung der Route und Ausrüstung über den respektvollen Umgang mit dem Allemansrätten bis hin zur Meisterung der Navigation und Verpflegung unter freiem Himmel – jede Herausforderung macht dich stärker und die Erfahrung intensiver. Schweden bietet den perfekten Rahmen, um echtes Wildnisgefühl zu erleben. Brich auf, sei vorbereitet und tauche ein in die Stille der Wälder, die Weite der Fjälls und die Freiheit, die nur das Unterwegssein schenken kann.

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