Ohne Kompass den Weg finden – Navigations-Techniken erklärt

Navigation ohne Kompass
Navigation ohne Kompass

Ein Kompass ist ein Stück Ausrüstung, das man vermisst, sobald es fehlt. Das Handy ist leer, das GPS findet kein Signal, die Karte liegt im Auto – und der Weg sieht plötzlich in beide Richtungen gleich aus. Ohne Kompass die Richtung zu bestimmen, ist möglich. Es ist nur ungenauer, als Ratgeber gern behaupten, und es setzt voraus, dass du vorher weißt, was du eigentlich suchst.

Die Richtung ist selten das erste Problem

Wer sich verlaufen hat, sucht meistens sofort nach Norden. Das ist verständlich und trotzdem der zweite Schritt. Der erste ist, stehen zu bleiben. Jeder weitere Schritt in eine geratene Richtung vergrößert den Suchraum für andere und verringert deine eigene Chance, den letzten sicheren Punkt wiederzufinden.

Bleib also stehen, setz dich hin, trink etwas. Erst dann die nüchterne Frage: Wo warst du zuletzt sicher? Wie lange ist das her? Ging es bergauf oder bergab? Diese drei Antworten sind mehr wert als jede Himmelsrichtung. Wie du in dieser Lage systematisch vorgehst, steht in der STOP-Regel für Notfälle.

Und noch etwas: Eine Himmelsrichtung allein hilft dir nicht. Norden nützt nur, wenn du weißt, dass die Straße im Süden liegt. Ohne diese Information ist die genaueste Peilung wertlos.

Die Sonne: der zuverlässigste Anhaltspunkt am Tag

Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter – aber genau genommen nur an zwei Tagen im Jahr, den Tagundnachtgleichen. Im Sommer verschiebt sich der Aufgangspunkt nach Nordosten, im Winter nach Südosten. Wer mit dem Merksatz allein arbeitet, liegt je nach Jahreszeit deutlich daneben. Brauchbar ist er trotzdem: Für die grobe Frage „in welche Richtung laufe ich gerade?“ reicht er.

Der Schattenstab

Die genaueste Methode ohne Hilfsmittel. Steck einen geraden Stock senkrecht in ebenen, freien Boden und markiere die Spitze seines Schattens mit einem Stein. Warte, bis der Schatten sichtbar gewandert ist – eine Viertelstunde ist ein brauchbarer Richtwert, länger wird genauer – und markiere die neue Schattenspitze.

Die Verbindungslinie zwischen beiden Markierungen verläuft ungefähr in Ost-West-Richtung. Der erste Punkt liegt dabei nach Westen, der zweite nach Osten – der Schatten wandert der Sonne entgegen. Stellst du dich mit dem linken Fuß auf die erste und dem rechten auf die zweite Markierung, schaust du grob nach Norden.

Die Methode braucht Sonne und eine freie Fläche. Im dichten Wald, bei Hochnebel oder in einer engen Schlucht funktioniert sie nicht. Sie liefert außerdem eine Näherung, keine Gradzahl: In der Nähe des Mittags, wenn der Schatten am kürzesten ist, wird sie ungenauer.

Die Uhrzeiger-Methode – und warum sie oft danebenliegt

Mit einer analogen Uhr: Richte den Stundenzeiger auf die Sonne. Die Winkelhalbierende zwischen Stundenzeiger und der Zwölf zeigt auf der Nordhalbkugel ungefähr nach Süden. Bei Sommerzeit nimmst du statt der Zwölf die Eins als Bezugspunkt, weil die Uhr dann eine Stunde vorgeht.

Das ist ein Taschenspielertrick mit einem ernsten Haken. Er beruht auf der Annahme, die Sonne stehe um zwölf Uhr wahrer Ortszeit genau im Süden – was in Mitteleuropa je nach Längengrad und Jahreszeit spürbar abweicht. Je näher am Äquator, desto unbrauchbarer wird die Methode. Für die Frage „Süden ist ungefähr dort drüben“ taugt sie, für eine Marschrichtung über mehrere Kilometer nicht.

Nachts: der Polarstern

Bei klarem Himmel ist der Polarstern der verlässlichste Anhaltspunkt überhaupt, weil er als einziger heller Stern seine Position fast nicht verändert. Du findest ihn über den Großen Wagen: Die beiden hinteren Kastensterne bilden eine Achse. Verlängerst du diese Achse etwa fünfmal in dieselbe Richtung, landest du beim Polarstern. Er steht im Norden – und zwar tatsächlich im Norden, nicht ungefähr.

Praktischer Nebeneffekt: Seine Höhe über dem Horizont entspricht deiner geografischen Breite. In Mitteleuropa steht er also gut auf halber Höhe zwischen Horizont und Zenit. Wer das einmal verinnerlicht hat, erkennt sofort, wenn er den falschen Stern anpeilt.

Die Einschränkung liegt auf der Hand: Es muss klar sein, und du musst den Großen Wagen sicher erkennen. Das übt man besser vom Balkon aus als im Notfall.

Was das Gelände verrät – und was nicht

Der bekannteste Ratschlag ist zugleich der schlechteste: Moos wachse an der Nordseite der Bäume. Moos wächst dort, wo es feucht und schattig ist. Das kann die Nordseite sein, genauso gut aber die dem Regen zugewandte Wetterseite, die Seite zum Bachlauf hin oder schlicht die Seite, an der ein Nachbarbaum Schatten wirft. Als alleiniger Richtungsgeber ist Moos unbrauchbar.

Was tatsächlich hilft, ist die Landschaft selbst. Wasser fließt bergab und findet irgendwann Wege, Wege finden Häuser. Einem Bachlauf talwärts zu folgen, ist in Mitteleuropa fast immer die bessere Entscheidung, als quer durch unbekanntes Gelände zu steigen – wobei Schluchten und steile Bachbetten eigene Gefahren mitbringen. Höhenlinien im Kopf, Stromleitungen, Schneisen, das Rauschen einer Straße: Solche Anhaltspunkte führen dich zu Menschen, eine Himmelsrichtung nicht.

Richtung halten ist schwerer als Richtung finden

Ohne festen Bezugspunkt laufen Menschen im Kreis. Der Grund ist banal: Minimale Unterschiede in Schrittlänge und Belastung summieren sich, und ohne Sichtkontrolle korrigiert niemand dagegen an.

Das Gegenmittel heißt Zielpeilung. Such dir in der gewünschten Richtung einen auffälligen Punkt – einen einzeln stehenden Baum, einen Felsen, einen Mast. Geh dorthin. Dann such dir vom neuen Standort aus den nächsten Punkt. So läufst du in kurzen geraden Stücken statt in einem großen Bogen. Im dichten Wald, wo die Sicht kaum zwanzig Meter reicht, funktioniert das mit zwei Punkten hintereinander: Stehen beide in einer Linie mit dir, stimmt die Richtung noch.

Wenn Bleiben die bessere Entscheidung ist

Es gibt Lagen, in denen jede Navigationstechnik die falsche Antwort ist. Wenn jemand weiß, dass du unterwegs bist, und ungefähr weiß, wo – dann ist Bleiben besser als Laufen. Ein bewegtes Ziel ist schwerer zu finden als ein stehendes. Dasselbe gilt bei Dunkelheit, bei Verletzung und bei aufziehendem Wetter.

Dann geht es nicht mehr um Norden, sondern um Sichtbarkeit und Wärme: an eine offene Stelle, weg vom Wind, etwas zwischen dich und den Boden. Und um ein Signal, das jemand wahrnehmen kann. Wie das ohne Handy funktioniert, steht in Was tun, wenn man sich in der Wildnis verirrt.

Üben, solange es nicht darauf ankommt

Keine dieser Methoden lässt sich im Ernstfall zum ersten Mal ausprobieren. Unter Stress verengt sich die Aufmerksamkeit, und was du nie gemacht hast, machst du dann auch nicht.

Der Aufwand ist überschaubar. Steck den Schattenstab einmal in den Garten und sieh zu, wie der Schatten wandert. Such an einem klaren Abend den Polarstern, bis du ihn ohne Nachdenken findest. Lauf auf einer bekannten Runde bewusst nach Zielpeilung statt nach Wegweisern und vergleiche am Ende, wo du herausgekommen bist. Wer das dreimal gemacht hat, hat mehr davon als von jedem gelesenen Ratgeber – auch von diesem.

Fazit

Ohne Kompass zu navigieren heißt, mit Näherungen zu arbeiten. Der Schattenstab gibt dir am Tag eine brauchbare Ost-West-Linie, der Polarstern nachts ein verlässliches Norden, die Zielpeilung hält dich auf Kurs. Alles drei ersetzt keine Karte – und keines davon ersetzt die Frage, ob Laufen überhaupt die richtige Entscheidung ist. Am meisten bringt es, vor der Tour jemandem zu sagen, wohin du gehst und wann du zurück sein willst. Das ist unspektakulär und wirkt zuverlässiger als jeder Sonnenstand.

Quelle: Orientierung mit Hilfe des Polarsterns, LEIFIphysik (Joachim Herz Stiftung).

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